Bilder aus dem Leben der Wandergesellen

Ober-Ramstadt. Bis in das späte 19. Jahrhundert waren die Angehörigen der verschiedenen Berufe die häufigsten Wandergesellen auf Deutschlands Straßen und Wege. Dabei ging es nicht nur um die Fortbildung im eigenen Beruf, sondern auch um eine Erweiterung der Allgemeinbildung.

Erste Hinweise auf die Gesellenwanderung finden sich schon im 14. Jahrhundert. Mit dem Aufkommen der Zünfte wurde eine Wanderschaft von drei Jahren vorgeschrieben. Für die geplante Meisterprüfung war sie unabdingbare Voraussetzung. Um die Ausbildung von der Lehre bis zur Meisterprüfung gesetzlich zu regeln, wurde 1731 die „Reichshandwerkerordnung“ erlassen. Sie enthielt auch Vorschriften für Ausweispapiere, die der Wandergeselle mitzuführen hatte. Bis in das frühe 19. Jahrhundert handelte es sich dabei um „Kundschaften“, die von der jeweiligen Zunft ausgestellt wurden und meist im oberen Teil eine Ansicht der jeweiligen Stadt zeigten. Der unter Textteil war eine Kombination von Zeugnis, Empfehlungsschreiben und Ausweis.

Diese „Kundschaften“ sind heute gesuchte Dokumente, weil sich damit der Weg des Gesellen rekonstruieren lässt. In der Ausstellung werden etliche dieser Kundschaften gezeigt. Im frühen 19. Jahrhundert, besonders nach dem sogenannten Befreiungskrieg 1815 traten Handwerksgesellen als Träger neuer politischer Ideen in Erscheinung. Es kam zur Gründung von Gesellenverbänden, die wegen politischer Tätigkeiten von Regierungsseite verboten wurden. Um die Gesellen genauer zu überwachen, wurden von staatlicher Seite Wanderbrücher vorgeschrieben. Die Überwachung dieser Dokumente erfolgte nun durch Polizeistellen. Neben diesen amtlichen Dokumenten sind besonders Briefe an Eltern und Geschwister sowie Tagebücher von der Wanderschaft interessant. In der Ausstellung werden solche Dokumente von den Ober-Ramstädtern Georg Heim und Jacob Braband gezeigt. Georg Heim hat als Kammmacher längere Zeit in der Schweiz gearbeitet. Jacob Braband hat sich nach Ende seiner Wanderschaft mit einem Schuhgeschäft selbständig gemacht und in Ober-Ramstadt die SPD mit gegründet.

Neben dem Schumacher und Politiker Jacob Braband werden in einer Gruppe weitere Handwerker gezeigt, die in hohe politische Ämter kamen: der Dreher Carl Ulrich, der Schriftsetzer Paul Löbe und Friedrich Eberts Weg vom Sattler zum Reichspräsidenten. Die Sonderausstellung „Bilder aus dem Leben der Wandergesellen“ wird am 27. Januar 2013, um 15.00 Uhr, im Museum Ober- Ramstadt eröffnet. Sie dauert bis zum 31. März 2013. Museum Ober-Ramstadt, Ecke Grafengasse/Prälat-Diehl-Straße. Ggeöffnet: sonntags von 14.30 – 17.30 Uhr oder nach Vereinbarung, Telefon 06154/1797 oder 3022

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