Bürgergemeinschaft bangt um Behinderten-Fahrdienst

Reinheim. Jonas Richter (23) ist ganz gerne Zivi. Der junge Mann aus dem Reinheimer Stadtteil Spachbrücken leistet noch bis Ende des Jahres seinen Ersatzdienst bei der Reinheimer Bürgergemeinschaft für Behinderte ab. Sein Dienst ist recht abwechslungsreich, denn er fährt mit dem rollstuhlgerechten Fahrzeug des Vereins Menschen, die nicht oder nicht (mehr) gut laufen können. Oft begleitet er seine Fahrgäste zum Arzt, manchmal auch zu Behörden, zu einem Termin bei der Krankenkasse oder zum Therapeutischen Reiten. Gelegentlich geht er mit einem seiner Fahrgäste auch einkaufen. Zu seinen Aufgaben gehört außerdem die Unterstützung der Ehrenamtlichen, z.B. wenn diese Vereinsmitglieder besuchen, die nicht mehr aus dem Haus können oder bei der Organisation und Durchführung des Sommerfestes im Mai im Reinheimer Stadtpark. Von seinen Diensten profitieren heute vor allem ältere Menschen, die nicht mehr gut laufen können.

Fast alle Fahrten von Jonas Richter finden zwischen Montags und Freitags statt, denn dann haben Ärzte, Ämter und Krankenkassen geöffnet. Das bedeutet, dass der Fahrdienst ohne einen Zivi wie Jonas Richter nicht betrieben werden könnte. Vielleicht ist der Tag auch nicht mehr fern, an dem die Bürgergemeinschaft nach 25 Jahren ihren Fahrdienst einstellen muss. Denn die Bundesregierung plant, den Wehrdienst und damit auch den Zivildienst zum 1. Juli 2011 auszusetzen.

Für die Reinheimer Bürgergemeinschaft für Behinderte ist das eine mittlere Katastrophe. „Wir stehen vor einer kaum zu bewältigenden Herausforderung.“ befürchtet Vorsitzender Jörg Rupp. „Wir müssen binnen weniger Monate acht bis zehn Ehrenamtliche finden, die die Aufgaben des Zivis vor allem an normalen Wochentagen übernehmen können.“ Dafür kämen Berufstätige kaum in Frage, eher Rentner, Hausfrauen oder Arbeitslose. Das werde sehr schwer. Eine Alternative wäre die Einstellung eines Fahrers oder mehrerer Mini-Jobber, wodurch der Service aber für die Fahrgäste sehr viel teurer werden würde, weil der gemeinnützige Verein den Fahrdienst dann nicht mehr aus Spenden und Eigenmitteln finanzieren könnte.

Deshalb hat Rupp jetzt die für Reinheim zuständigen Bundestagsabgeordneten angeschrieben und darum gebeten, bei der Entscheidung zur Aussetzung des Wehrdienstes auch die Auswirkungen auf den Sozialbereich zu beachten. Der Zivildienst dürfe nicht einfach gestrichen werden, nur um Geld zu sparen und ohne Rücksicht auf Verluste. Denn das werde letztlich zu höheren Kosten an anderer Stelle führen. Der Ausstieg aus der Wehrpflicht müsse sehr sorgfältig diskutiert, durchdacht und vorbereitet werden. Vor allem aber müssten die Dienststellen ausreichend Zeit bekommen, um Ersatz für die Zivis zu finden.

Schon heute kann der Verein auf einige wenige ehrenamtliche Fahrer zurückgreifen, die den Zivi bei Urlaub oder Krankheit vertreten. „Aber das reicht leider bei weitem noch nicht aus.“, erläutert Rupp. „Wir haben auch schon Anstrengungen unternommen, um Freiwillige zu finden, bislang aber ohne Erfolg.“ Man werde aber weiterhin alles versuchen, um den Fahrdienst zu erhalten.

Bei weitem nicht alle Mitglieder der Reinheimer Bürgergemeinschaft für Behinderte sind selbst behindert. Ganz im Gegenteil wurde der Verein vor 27 Jahren von Nichtbehinderten gegründet, um Menschen mit Einschränkungen zu unterstützen und besser in die Gesellschaft zu integrieren. Nähere Infos auf www.buergergemeinschaft.eu.

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