Interview mit Bürgermeister Karl Hartmann

Reinheim hat Kaufkraft

Bürgermeister Karl Hartmann

1. Wer kauft in Reinheim ein? Woher kommen die Menschen, wie wird die Klientel angesprochen?
Diese Daten sind meines Wissens bislang noch nicht wissenschaftlich erhoben worden. Bedauerlicherweise, denn aus einem detaillierten Käuferprofil würden sich viele Informationen über den tatsächlichen Bedarf ablesen lassen, so dass die Gewerbetreibenden ihr Angebot ein Stück weit darauf ausrichten und potentielle Kundinnen und Kunden zielgerichtet ansprechen könnten. Große Ketten speichern oft über ihre Bonussysteme, z.B. „Payback“ das Kaufverhalten ihrer Kunden ab und analysieren es dann nach Regionen. Das ist aber datenschutzrechtlich manchmal nicht ganz einfach (Stichwort: „Gläserner Kunde“) und erfordert viel personellen Aufwand und hohe Kosten. Allerdings glaube ich, dass viele Einzelhändler ihre Kunden gut kennen, deren Gewohnheiten und Vorlieben einschätzen können und da zum Teil auch persönliche Bindungen vorhanden sind. Eventuell könnte dieses Wissen über die Kunden gebündelt und verglichen werden. Bei meinen eigenen Einkäufen beobachte ich, dass sehr viele Reinheimerinnen und Reinheimer das lokale Einzelhandelsangebot gern und oft in Anspruch nehmen und wir darüber hinaus auch Kunden aus umliegenden Gemeinden wie Otzberg, Groß-Zimmern und Groß-Bieberau haben. Kürzlich stand beispielsweise der Groß-Bieberauer Bürgermeister Edgar Buchwald in einer Reinheimer Schusterei und holte seine fachkundig reparierten Schuhe wieder ab.

2.Wie schätzen Sie die Kaufkraft der Käufer in Reinheim ein?
In Reinheim werden nach den aktuellsten Daten der Industrie- und Handelskammer Darmstadt (IHK) insgesamt 95,1 Millionen Euro pro Jahr im lokalen Einzelhandel umgesetzt. Damit gibt statistisch gesehen jede Reinheimer Bürgerin und jeder Reinheimer Bürger 5.518 Euro innerhalb eines Jahres im Reinheimer Einzelhandel aus.
Für Reinheim liegt die einzelhandelsrelevante Kaufkraftkennziffer laut IHK bei 106,1. Dies bedeutet, dass Reinheim mit der Kaufkraft seiner Einwohnerinnen und Einwohner im Einzelhandel 6 Prozent über dem Durchschnitt der Bundesrepublik Deutschland (Kaufkraftkennziffer 100) liegt. Das ist wirklich ein sehr guter Wert, denn wir liegen damit z.B. fast gleichauf mit dem viel größeren Griesheim, das ebenfalls auf einen Wert von knapp 107 kommt. Auch Dieburg mit seiner schön erschlossenen Fußgängerzone in der Innenstadt und sogar Weiterstadt mit seinem außergewöhnlich großen Industriegebiet liegen mit Werten von jeweils 107 nur ganz knapp vor Reinheim.

3. Welche Einkaufsgewohnheiten haben nach Ihren Beobachtungen die Käufer in Reinheim?
Nach meiner Einschätzung werden vor allem Dinge des täglichen Bedarfs wohnortnah erworben. Dies betrifft natürlich Lebensmittel, Blumen und Haushaltsgegenstände. Insbesondere Familien machen ja oft ein bis zweimal in der Woche einen größeren Einkauf und kaufen ansonsten zielgerichtet, was fehlt. Aber auch Kleidung, Bücher, Baumarktsortiment und Wohn-Accessoires werden gern vor Ort gekauft. Bäcker, Metzger und Apotheken sind mit ihrem Angebot für unsere Stadt unverzichtbar. Reinheim freut sich auch über zahlreiche Dienstleister wie z.B. im Friseurhandwerk, der Gastronomie und im Gesundheits-, Wellness- und Sportbereich. Es ist eben von Vorteil, wenn Einzelhändler gut erreichbar sind und der Kunde keine langen und zeitraubenden Wege hinter sich bringen muss.

4. Wie schätzen Sie die Einkaufsmöglichkeiten in Reinheim ein?
Ich denke, dass wir in Reinheim einen sehr guten Einzelhandels-Mix haben, der vor allem im Zentrum bzw. in der Nähe der Wohngebiete angesiedelt ist. Deswegen haben wir uns als Stadt auch gegen weitere Discounter auf der „grünen Wiese“ und weitläufige Industriegebiete entschieden. Die demographische Entwicklung trägt dazu bei, dass das Modell des Nahversorgers zukünftig noch stärker an Bedeutung gewinnen wird. Speziell für ältere Menschen ist es wichtig, dass „ihre“ Geschäfte gut erreichbar sind. Diese Käufergruppe kauft im Allgemeinen kleinere Packungen und nicht so viel auf einmal ein. Schließlich müssen die Einkäufe auch nach Hause transportiert werden. Dafür gehen sie öfter, teilweise sogar täglich einkaufen. Da spielt dann auch der persönliche Kontakt zum Marktleiter und zum Verkaufspersonal eine größere Rolle. Sowohl für Senioren als auch für junge Familien ist ein möglichst umfassendes Angebot wichtig, da oft Möglichkeiten und Zeit fehlen, weite Anfahrten in Kauf zu nehmen. Deshalb ist es für mich als Bürgermeister sehr wichtig, dass in den einzelnen Ortsteilen eine Versorgung sichergestellt ist. Gleichzeitig unterstützen wir als Stadt den Seniorenfahrdienst der Reinheimer Bürgergemeinschaft für Behinderte (RBFB), der nicht nur für die Fahrten von und zu Arztterminen und medizinischen Behandlungen sondern auch zum Einkaufen rege genutzt wird.

5. Wird die Neuansiedlung von Einzelhandelsgewerbe unterstützt? Wenn ja, wie?
Die Neuansiedlung von Gewerbe ist ein wichtiger Aspekt der Wirtschaftsförderung, den wir sehr ernst nehmen. Wir nutzen konsequent die Chancen, die sich aus neuen Infrastrukturprojekten ergeben, wie beispielsweise durch den Bau der Ortsumgehung B 38, wo wir ein neues Gewerbegebiet zwischen Reinheim und Spachbrücken ausgewiesen haben. Aber wir haben auch einige leerstehende Gewerbeflächen im Blick.
Genauso wichtig wie die Anwerbung neuer Unternehmen ist meines Erachtens die Bestandsförderung. Derzeit versuchen wir beispielsweise die Gewerbetreibenden im „Einkaufszentrum“ bei der Neuvermietung der freistehenden Ladenflächen zu unterstützen. Beispielsweise haben wir über das städtische Bauamt und die Abteilung Wirtschaftsförderung den Kontakt zum Immobilienmanagement des Landkreises Darmstadt-Dieburg und der Industrie- und Handelskammer hergestellt. Es ist für Reinheim sehr wichtig, dass der Standort „Einkaufszentrum“ mit einem attraktiven Angebot bestehen bleibt, da sich ein solcher Anziehungspunkt auch für die anderen Gewerbetreibenden in Reinheim positiv auswirkt.
In Reinheim haben wir vor drei Jahren einen weiteren solchen „Ankerplatz“ auf dem ehemaligen Raiffeisen-Gelände hinzu bekommen, wo sich die vorgenommenen Investitionen von „EDEKA“ und „dm“ sehr erfolgreich niederschlagen und mit Sicherheit auch Kundinnen und Kunden aus der Region anlocken. Das ist einer der Gründe, weshalb Herr Lajos beim Neujahrempfang der Stadt Reinheim kürzlich für die „Verbesserung der gewerblichen Infrastruktur Reinheims und seinen Beitrag zur positiven Außendarstellung unserer Stadt“ mit dem 1. Reinheimer Unternehmerpreis ausgezeichnet wurde. Gemeinsam mit dem Gewerbeverein will die Stadt zukünftig regelmäßig diese Auszeichnung vergeben und damit stärker in den Fokus rücken, welchen wichtigen Beitrag unsere Reinheimer Gewerbetreibenden für unsere Stadt leisten.
Wir tun alles, damit Reinheim lebenswert und damit auch für Gewerbetreibende weiterhin ein attraktiver Markt bleibt. Die Gewerbetreibenden wissen meiner Ansicht nach, dass ihnen meine Tür jederzeit offensteht und auch der sehr gute Kontakt zum Gewerbeverein mit seinem Vorsitzenden Michael Richter bestärkt mich in der Annahme, dass wir gemeinsam an einem Seil in dieselbe Richtung ziehen. Gerade in der Wirtschaftsförderung ist vieles Chefsache.

6. Ist in Reinheim in den letzen Jahren ein Einwohnerschwund zu verzeichnen? Wenn ja, was sehen Sie als Gründe für den Einwohnerschwund an?

Im Jahr 1998 hatten wir 17.862 Einwohner, am Stichtag zum Ende des Jahres 2008 wurden 17.090 Einwohner gezählt. Über einen Zeitraum von 10 Jahren haben wir damit eine kaum wahrnehmbare Abnahme der Einwohnerzahlen. Unsere Altersstruktur ist derzeit mit fast 66 % Prozent im Segment der 15 – 60jährigen, mit 20 % bei den Älteren und 14 % bei den Jüngeren sehr ausgewogen. Selbstverständlich geht die demographische Entwicklung aber auch nicht an Reinheim vorbei. Die Verschiebung der Alterspyramide mit mehr älteren Mitbürgern bei gleichzeitig weniger Jugendlichen und Kindern stellt uns bereits heute vor große Herausforderungen, was z.B. die medizinische Versorgung, die Mobilität und die Bereitstellung von barrierefreien Wohnräumen – nicht nur, aber auch – in Seniorenwohnheimen und Pflegeeinrichtungen betrifft.
Wir tun auf der politischen Ebene sehr viel dafür, den Einwohnerschwund zu verlangsamen. Die sogenannten „weichen“ Standortfaktoren – Schule und Kinderbetreuung, Arbeitsplätze in der Region, attraktive Wohnmöglichkeiten, ausreichend Erholungsgebiete und Grünflächen, wohnortsnahe Einkaufsmöglichkeiten etc. – entscheiden mit darüber, ob Menschen an ihrem Wohnort bleiben oder wohin sie gegebenenfalls ziehen. Dies haben wir sehr klar im Blick und richten unsere Politik entsprechend aus.
Die Stadt Reinheim hat große Anstrengungen unternommen durch die Ausweisung neuer Baugebiete und bestimmter Fördermaßnahmen insbesondere junge Familien zum Verbleib oder Zuzug in unsere Gemeinde zu bewegen. Wir legen weiterhin einen Schwerpunkt auf die Gestaltung einer familienfreundlichen und lebenswerten Stadt. Anders als vom ehemaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer angenommen („Kinder kriegen die Leute immer“), müssen wir als Gesellschaft die jungen Leute bei ihrer Lebensplanung und –gestaltung, insbesondere der Familiengründung, unterstützen. Leider ist unsere Gesellschaft nicht immer uneingeschränkt kinderfreundlich. Das äußert sich beispielsweise darin, dass in Deutschland überdurchschnittlich oft Klagen wegen „Kinderlärm“ geführt werden, und dass die Geräusche, die das Spielen von Kindern nun einmal begleiten, rechtlich bis vor kurzem mit gesundheitsschädigendem Industrie- und Straßenlärm gleichgesetzt wurden.
Für uns als Stadt bedeutet das, bei der Ausweisung von Spielplätzen oder der Einrichtung von Kindergärten und Krabbelstuben sowohl die Bedürfnisse der Kinder und Erzieher/innen als auch der Anwohner zu berücksichtigen. Ich glaube, dass uns das bislang sehr gut gelungen ist.
Für Familien ist es heute besonders wichtig, ob im Wohnort Betreuungsplätze vorhanden sind, damit gegebenenfalls beide Elternteile einen Beruf ausüben können. Mit zwei Krabbelstuben und Kindergärten in jedem Ortsteil bieten wir eine flächendeckende Versorgung an. Junge Eltern können sich darauf verlassen, dass ihre Kinder gut aufgehoben sind und ihrem Alter gemäß in ihrer Entwicklung optimal gefördert werden. Dazu gehört auch, dass ausreichend Erzieher und Erzieherinnen in den Einrichtungen arbeiten. Deshalb legen wir in Reinheim schon seit mehr als 20 Jahren Wert darauf, dass pro Gruppe zwei Erzieher/innen für die Kinder da sind. Damit sind wir den Vorgaben des Landes Hessen schon seit Jahrzehnten voraus.
Gemeinsam mit der hervorragenden Anbindung an die Verkehrswege haben wir damit die Weichen dafür gestellt, dass der Einwohnerschwund weniger stark sein wird als befürchtet.

7. Hat ein eventueller Einwohnerschwund Auswirkungen auf die Kaufkraft bzw. das Einkaufsverhalten der Einwohner?
Ja, natürlich. Ältere Menschen konsumieren natürlich anders als junge Menschen oder Familien. Außerdem konsumieren weniger Menschen auch einfach weniger. Bei sinkenden Einwohnerzahlen würden also auch die Einzelhandelsumsätze tendenziell sinken. Deshalb ist es wichtig, dass wir in Reinheim keinen dramatischen Einwohnerschwund zu verzeichnen haben und gleichzeitig auch weiterhin für auswärtige Kunden interessant bleiben.
Wir müssen uns den Herausforderungen durch die demographische Entwicklung stellen und gemeinsam Lösungen erarbeiten, wie wir das erreichen können. Hierzu arbeiten wir selbstverständlich gern mit allen relevanten gesellschaftlichen Gruppen, zu denen in erster Linie der Gewerbeverein zählt, zusammen. Ich kann daher mein Angebot nur wiederholen: Sprechen Sie mich mit Ideen oder bei Problemen bitte an, meine Tür im Rathaus steht jederzeit offen.  Natürlich werden auch von uns weiterhin Impulse kommen.

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