Königsschießen der Schützengesellschaft 1864 Nieder-Klingen

Und wieder den Vogel abgeschossen

Schauen, Sehen, Schuss: erst der Apfel, dann das Zepter, dann der Vogel!

Otzberg/Nieder-Klingen. Da wurde er wieder waidwund geschossen der Adler aus Holz mit Apfel und Zepter, und alles liebevoll angemalt. Getroffen hat es ihn am vergangenen Samstag als die Nieder-Klinger Schützen das Luftgewehr anlegten, um die Ehre einer Schützenkönigin bzw. eines Schützenkönigs zu erlangen. Veranstalter des Königsschießens war die Schützengesellschaft 1864 Nieder-Klingen. Nachdem Haxe, Rippchen und Sauerkraut verzehrt und die rund 40 Vereinsmitglieder und aktiven Schützen in Stimmung waren packte sie auch das Jagdfieber. Der schöne Adler kam nun langsam in Bedrängnis als der Vorsitzende des Vereins, Thomas Koch, die Wettkämpfer begrüßte und einen fröhlichen Abend wünschte. Gestartet wurde das Schießen mit dem Luftgewehr durch den Ehrenpräsidenten Walter Koch, der auch darüber wachte, dass alles Regel konform von statten ging. Schützenverein, Schützenkönig bzw. -königin, Schützenfest – das ist eine urdeutsche Tradition. In fast jeder Gemeinde, in fast jedem Dorf gibt es sie, die Schützenvereine. Die Schützengesellschaft 1864 Nieder-Klingen ist der älteste Verein des Ortes und hat „heute rund 200 Mitglieder, die Freude am Schießsport haben“, so Thomas Koch wörtlich. Hoch her geht’s bei den Schützenfesten im Norden Deutschlands. Im Vergleich dazu ist die Odenwaldregion eher Schwellenland. Bei den großen Schützenfesten wird dem amtierenden Schützenkönig und seinem Hofstaat (1. und 2. Ritter) durch die gesamte Bevölkerung der Gemeinde gehuldigt. Dabei werden Fackeln getragen, Fahnen geschwungen und feierliche Reden gehalten. Dort sieht man die ganze Pracht an farbenfrohen Uniformen, Federbüschen und Schärpen. Diese Auftritte lassen erkennen aus welcher Tradition sich die Schützenvereine entwickelt haben. Denn im Mittelalter schlossen sich Armbrust- und Bogenschützen zusammen, um ihre Stadt zu verteidigen. Das waren dann Schützenvereine mit quasi militärischen Funktionen. Und heute? Die Schützen der deutschen Schützenvereine schießen nicht mehr auf Feinde, sondern wie in Nieder-Klingen nur noch auf schmucke Holz- Adler. Und schießen darf jeder, reihum, und zwar so lange bis ein Teil am Adler abgeschossen ist. Zuerst halten die Schützen auf den Apfel. Wenn dieser nach 20, 30 Schüssen fällt, dann ist der 2. Ritter ermittelt. Nämlich genau der, der den Apfel zum Fallen gebracht hat. Bei der Schützengesellschaft Nieder- Klingen war das Thomas Koch. Unter begeisterten „Dieter, Dieter, Dieter!“ Rufen gelang es genau eben jenem Dieter, das Zepter des stolzen Adlers zum Brechen zu bringen. Somit ist er der 1. Ritter. Und so ging es bis fast zur Mitte der Nacht weiter, bis der Adler stürzte und der neue Schützenkönig den Vogel abgeschossen hatte. So groß die Freude für den König der Schützen, das Leidige ist nur, er muss eine dicke Geldbörse dabei haben, denn ab einem bestimmten Zeitpunkt ging alles Bier, das getrunken wurde, auf seine Rechnung! Text/Bild: Dieter Preuss

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