Lindenfelser Brauchtumstage ein sinnliches Mitmachtheater

Klarer Blick fürs Unverfälschte

Polster- und Schreinermeister Norbert Höly blickt durch eine Stahlfeder und erzählt von der Qualität des Vergangenen, die noch immer die Qualität von morgen sein wird. Text/Bild: Dieter Preuss

Polster- und Schreinermeister Norbert Höly blickt durch eine Stahlfeder und erzählt von der Qualität des Vergangenen, die noch immer die Qualität von morgen sein wird. Text/Bild: Dieter Preuss

Lindenfels. Eines vorab: Die Lindenfelser Brauchtumstage in den Museumswerkstätten und im Rathaushof sind wie ein Mitmachtheater, in dem alle (Darsteller und Besucher) ins Spiel des Schmieds, Polsterers, Druckers, Steinhauers, Korbmachers, Brotbäckers, Gäulchenmachers, Schneiders, Webers, Kaffeerösters … einsteigen können. Und zwar mit allen Sinnen: fühlen, hören, riechen, sehen, schmecken. So auch am vergangenen Wochenende beim Schmied Jan Hohmann, der dem interessierten Bub unter den Zuschauern einen langen Nagel schmiedet. Ein faszinierendes Spiel mit Feuer, Glut, Eisen, Hammer, Amboss, lauten Schlägen im harmonischen Takt, Brandgeruch sowie den erklärenden Worten des Schmieds und dem mächtigen Nagel, den der Junge am Ende stolz in seinen Händen fühlt. „Alles vorbei, altes Schmiede-Handwerk. Ich bin wohl gelernter Schlosser, vertreibe heute aber Abfüllanlagen für Getränke“, sagt der Schmied, der den Hammer so musikalisch inszenieren kann.

Alles Geschichte auch beim Drucker mit seiner hundert Jahre alten Drucktechnik, oder auch den Damen am Spinnrad und bei Susanne Bonn am klassischen Webstuhl aus massiven Hölzern. Gedruckt wird natürlich auch heute noch, nur viel einfacher, riesiger, automatisierter und sauberer. Auch gewebt werden heute noch Tischdecken, Stoffe, Teppiche, Bettdecken – auch das automatisiert, technisch, computergesteuert – halt kein Handwerk mehr im alten Sinne. Alles handwerkliche Fertigkeiten, die von der digitalen Welt durch Computerprogramme und vollautomatisierte Fertigungsanlagen übernommen wurden. Halt. Da gibt‘s doch den einen oder anderen, der heute so arbeitet wie vor hundert Jahren und damit auch sein Geld verdient. Der Korbmacher zum Beispiel. Oder Norbet Höly, der einen alten hundertjährigen Ledersessel neu aufbaut und polstert. Handarbeit mit unverfälschten Materialien wie Holz, Leder, Textilverschnürungen, Nägel, Stahlfedern und Leim. „Vor hundert Jahren hat man so einen Sessel genauso aufgepolstert, wie ich das heute mache und auch noch morgen machen werde. So ein massiver Sessel kann nur durch Handarbeit wieder hübsch gemacht werden“, sagt Polster- und Schreinermeister Norbert Höly, der seine Werkstatt „Polster Möbli“ in Lindenfels hat. Genüsse für alle Sinne hielt auch der Herbstmarkt der 32. Lindenfelser Brauchtumstage in Bürgerhaus und Kurgarten bereit. Herrlich blumenbunte Trockengebinde oder die  üssigen Genüsse eines Dieter Walz‘ oder der feine Schmuck für Hals, Arm und Finger oder die  ligranen Glasbläserarbeiten oder die leckeren Kekse und Anis Springerle oder die aromatischen Honigspezialitäten von Stephan Schwamm … Alles Handarbeit und Ausdrücke alten Handwerks mit klaren Blicken fürs Unverfälschte!

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