Neue Heimat in Affhöllerbach

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Jugendheim der Arbeiterwohlfahrt Brensbacher Gemeindeverwaltung informierte in einer Bürgerversammlung

Rund 250 interessierte Bürger beteiligten sich aktiv an der Bürgerversammlung in Brensbach. Text/Bild: E. Erstfeld

Rund 250 interessierte Bürger beteiligten sich aktiv an der Bürgerversammlung in Brensbach. Text/Bild: E. Erstfeld

Brensbach. Am Mittwoch, dem 25. November 2015, fand im Kultursaal des Gemeindezentrums in Brensbach eine von rund 250 Einwohnern gut besuchte Bürgerversammlung zum Thema Aufnahme und Betreuung unbegleiteter, minderjähriger Flüchtlinge statt. Die Veranstaltung stand im Zusammenhang mit der aktuellen Flüchtlingssituation und den damit verbundenen Herausforderungen im Odenwaldkreis, junge, schutzsuchende Menschen aufzunehmen und möglichst zu integrieren.

Auf dem Podium waren neben Bürgermeister Rainer Müller, die Beigeordnete des Kreises Darmstadt-Dieburg Rosemarie Lück, Landrat Frank Matiaske, der Erste Kreisbeigeordnete des Odenwaldkreises Oliver Grobeis, der Kreisbeigeordnete des Kreises Offenbach Carsten Müller, unterstützt durch die Hauptabteilungsleiterin Schule und Jugend vom Jugendamt des Odenwaldkreises Martina Köllner sowie Klaus Ernst-Günzel von der Fachbereichsleitung Kinder, Jugend, Frauen und Familienhilfe bei der Arbeiterwohlfahrt Hessen-Süd den Brensbacher Bürgerinnen und Bürgern Rede und Antwort. Der Vorsitzende der Gemeindevertretung Folke Müller moderierte die Versammlung, die in eine Info- und eine Frage-Phase unterteilt war.

Brensbach wird ab Januar 2016 zum Standort eines Kinder- und Jugendwohnheims für bis zu 112 unbegleitete, überwiegend männliche Flüchtlinge im Alter zwischen 14 und 17 Jahren. Die volle Zahl wird voraussichtlich erst in der Mitte des nächsten Jahres erreicht werden. Die Jugendlichen werden rund um die Uhr von etwa 40 Betreuungskräften begleitet. Hinzu kommen Hauswirtschaft, Cateringservice und ein Sicherheitsdienst. Bei Fragen seitens der Bevölkerung werden die Heimleitung aber auch Bürgermeister Müller die jederzeit erreichbaren Ansprechpartner sein. In einem gemeinsamen Vorgehen haben der Landkreis Offenbach im engen Zusammenwirken mit Darmstadt-Dieburg und dem Odenwaldkreis für die Jugendhilfeeinrichtung das leerstehende ehemalige Landschulheim im Ortsteil Affhöllerbach vorgesehen. Das Landschulheim ist mit seinen vier Gebäuden und der Turnhalle für dieses Vorhaben bestens geeignet. Der Träger der Einrichtung ist künftig die Arbeiterwohlfahrt, die mit ähnlichen Projekten seit 1988 an über 30 Standorten allein in Südhessen bereits viele Erfahrungen gesammelt hat. Das Kinder- und Jugendwohnheim in Affhöllerbach soll für die Jugendlichen „ein Erprobungsfeld zur Selbstständigkeit“ werden, die Vermittlung der deutschen Sprache hat dabei oberste Priorität.

Bürgermeister Rainer Müller betonte, dass es ihm am Herzen liegt, die Bürger zeitnah und umfassend über das Geschehen und die Maßnahmen zu informieren und sich mit ihnen auszutauschen. Er versprach, bestehende Ängste ernst zu nehmen. Er strich positiv heraus, dass ihn schon jetzt zahlreiche E-Mails und Anrufe von Bürgern und Vereinen aus dem Gersprenztal erreichen, die praktische und materielle Hilfe anbieten. Auf dieses bemerkenswerte Engagement müsse man aufbauen, ergänzte er.

Die Jugendhilfeeinrichtung wird von den drei südhessischen Landkreisen gemeinsam genutzt. Damit können zugewiesene unbegleitete Minderjährige gut untergebracht werden und die Landkreise kommen ihren Aufnahmeverpflichtungen nach. Daneben gibt es im Odenwaldkreis derzeit eine so genannte Überlaufeinrichtung mit 1000 Plätzen in Michelstadt, die für erwachsene Flüchtlinge und Familien entstanden ist und die bisher von maximal 600 Personen genutzt wurde. In der Jugendhilfeeinrichtung in Affhöllerbach sollen die Jugendlichen bis zu ihrer Volljährigkeit eine dauerhafte Bleibe finden und möglichst auch später in der Region integriert werden. Erster Kreisbeigeordneter und Jugenddezernent Grobeis trat in seinen Verlautbarungen etlichen Gerüchten betreffend Gesundheitszustand und Straffälligkeitsquote entgegen. Oliver Grobeis erklärte, dass bislang keine gravierenden ansteckenden Krankheiten eingeschleppt worden wären und auch kein Fall bekannt sei, dass einer der Flüchtlinge straffällig geworden wäre. Die meisten Jugendlichen seien hochmotiviert, die deutsche Sprache zu lernen und die Schule zu besuchen. Sie integrierten sich sehr gut in Sportvereinen. Von vergleichbaren Erfahrungen berichteten die Beigeordneten der Kreise Darmstadt-Dieburg und Offenbach. Der Gesundheitszustand von Neuankömmlinge wird bereits in den Erstaufnahmeeinrichtungen durch speziell qualifizierte Arztpraxen festgestellt. Besonders Schutzbedürftige werden in Affhöllerbach nicht untergebracht, da die individuelle Sorge nicht gewährleistet werden könne. Klaus Ernst-Günzel von der Arbeiterwohlfahrt betonte, dass der wichtigste Aspekt der Einrichtung der gelebte Alltag sei. Auch die Fragestellungen nach der Religionszugehörigkeit und deren Ausübung standen auf der Agenda. Hier verwies Klaus Ernst-Günzel darauf, dass die AWO als Träger konfessionell ungebunden und für alle Glaubensrichtungen offen sei. In diesem Sinne besteht Religionsfreiheit, man werde jedoch die Verbindung zu religiösen Gemeinschaften sorgfältig prüfen, um Einflussnahme extremistischer Richtungen auszuschließen.

Während der gesamten Bürgerversammlung war die Frage „Was können wir tun?“ immanent. Wiederholt wurde der Wunsch ausgesprochen, dauerhaft über Möglichkeiten des Engagements informiert zu werden. Die Hilfe muss koordiniert werden. Alles, was eine Teilhabe am ganz normalen Leben in der Gemeinde ermöglicht, gerade auch Vereine mit Jugendarbeit, ist sehr willkommen. Kleiderspenden vor allem in den kleineren Größen S und M sind erwünscht. Personen die sich ehrenamtlich einbringen wollen, müssen wie auch alle angestellten Mitarbeiter in der Einrichtung ein Polizeiliches Führungszeugnis vorweisen. Die Integrationsarbeit obliegt vor allem der Arbeiterwohlfahrt als Träger, die dafür aber auf die tätige Mithilfe nicht allein der Bewohner in Affhöllerbach und Brensbach sondern aller Bürger, Vereine und Institutionen im Gersprenztal und im Odenwaldkreis angewiesen ist.

Hinterlasse jetzt eine Antwort