Über hundert Akteure bei der „Wersauer Zeitreise“

Mit Musik und Tanz durch die Geschichte des unvergleichlichen Dorfs

Das finstere Gesicht von Arrosius (Tim Kappes, im Bild vorne rechts), Herr von Breuberg, lässt nichts Gutes erahnen. In Kürze wird er Wersau mitsamt seinen Einwohnern für 550 Pfund Heller verschachern. So geschehen vor 700 Jahren – und 2014 Anlass für zahlreiche gelungene Festveranstaltungen.

Brensbach/Wersau. Nach einer Bürgerbefragung zur Gestaltung eines Dorfabends im Rahmen der Feierlichkeiten zum 700sten Jubiläum der Gemeinde Wersau kristallisierte sich im Orga-Team das Thema „Mit Musik und Tanz durch die Jahrhunderte – die Geschichte eines unvergleichlichen Dorfes“ heraus.

Alle Wersauer Vereine sollten in der ihnen genehmen Weise mitwirken können. Maria Triesethau, die bereits für den Kommersabend ein Drehbuch geschrieben hatte, wurde gebeten, eine Geschichte zu entwickeln, in die denkwürdige, historisch verbriefte Begebenheiten eingebettet sind und die allen spielwilligen Wersauern einen Part einräumt. Neben dem Gesangs-, Turn-, Heimat-, Kerb- und Geschichtsverein konnte das Orga-Team noch viele weitere engagierte Bürger gewinnen, die mit Begeisterung auf, vor und hinter der Bühne zum Gelingen des gemeinsamen Großprojekts „Dorfabend“ beitrugen. So konnte dieses „Unternehmen“ am 1. und 2. November in der Wersauer Mehrzweckhalle auf die Bühne kommen.

Hier nun die mit viel Fantasie, Recherche und Humor in Szene gesetzte Geschichte der beiden Zeitreisenden: Fritz (Willi Daum), ein echter „Werscher“, und sein Freund Detlef (Günter Junck), ein Zugereister, kommen im Anschluss an den Kommersabend bei ein paar Bierchen auf den Gedanken, Dorfseine Zeitreise durch die Wersauer Geschichte zu unternehmen. Der versierte Ingenieur Detlef will hierfür eine Zeitmaschine bauen, mit deren Hilfe sie beide die geschichtsträchtigen Zeiten und Orte der Vergangenheit aufsuchen und miterleben können. Nun sind seit der Geburtsstunde dieser Idee schon über acht Monate verstrichen und das Gefährt ist immer noch nicht fertig.

Der Vormittag des 1. November ist herangerückt, an dessen Abend die Wersauer Geschichte mit Musik und Tanz über die Bühne gehen soll. Fritz ist ungeduldig und genervt, weil Detlef in aller Seelenruhe weiter an seiner Zeitmaschine herumbastelt. Als er einsteigt, um seinem Freund zu helfen, startet sie plötzlich. Noch bevor Detlef die Zeitmaschine programmiert hat, transportiert sie die beiden in die Kreidezeit und landet inmitten einer Herde Dinosaurier, voller Enthusiasmus gespielt von den Nachwuchstalenten des Turnvereins.
Während Detlef nach dem Verschwinden der Urzeitgeschöpfe damit beschäftigt ist, seine Maschine nun endlich zu programmieren, schläft Fritz ein und träumt von Amerika, wohin sein Urahn Schorsch 1859 ausgewandert ist.

Nach diesem bloß geträumten Aufenthalt in der Neuen Welt beamen sich die beiden Zeitreisenden ins Jahr 1314, in dem Wersau zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde. Sie erleben,wie ein Teil ihres Heimatdorfes mit allem dazugehörenden Hab und Gut auf der Burg Breuberg verkauft wird. Arrosius, Herr von Breuberg, veräußert seine gesamten Besitzrechte, auch die an den in Leibeigenschaft stehenden Bewohnern, seinem jüngeren Bruder Eberhard, ebenfalls Herr von Breuberg, für 550 Pfund Heller.

Nach einer kleine Pause machen Detlef und Fritz im Jahr 1631 Halt und werden Zeugen, wie in Wersau der Kirchturm zusammenfällt, weil sich die unterschiedlichen Herrschaften über Jahre hinweg nicht einigen konnten, wer die Renovierungskosten übernehmen sollte. Ohne ihre Maschine rechtzeitig besteigen zu können, finden sich die Zeitreisenden durch einen versehentlich ausgelösten Impuls plötzlich unbeabsichtigt im Jahr 1650 wieder und beobachten einen schaurigen Pestzug fahler Gestalten, der bei den Zuschauern für blankes Entsetzen und Gänsehaut sorgte.

Nach diesem unfreiwilligen düsteren Zwischenstopp reisen die beiden weiter ins Jahr 1806, als in Wersau Napoleonische Soldaten einquartiert waren. Als Gäste im Wirtshaus Beilstein erfahren Detlef und Fritz von so manchem Techtelmechtel zwischen Wersauer Mädchen und französischen Jungs und hören von der Wirtsstube aus, wie sich Wersauer Burschen mit den Franzosen eine wüste Keilerei auf der Kegelbahn liefern, die für alle Beteiligten sowie für die gesamte Gemeinde die bekannten fatalen Folgen hatte: Die jungen Wersauer kamen in Arrest, wo einer später verstorben ist, eine weitere Husarenabteilung wurde im Dorf stationiert und die Gemeindekasse geleert, weil zur Strafe auch noch 500 Gulden an die Franzosen abgetreten werden mussten. Nach dem Miterleben all der mehr oder weniger tragischen Episoden der Dorfgeschichte zieht es die beiden Zeitreisenden wieder zurück nach Hause in die Gegenwart. Sie landen noch einmal kurz in der diesjährigen Wersauer Fastnacht, bevor sie unversehrt mit einiger Verspätung auf der Bühne des Dorfabends ankommen, wo gerade die Präsentation ihrer abenteuerlichen Spurensuche zu Ende gegangen ist und sie von ihren Ehefrauen hart aber herzlich in Empfang genommen werden. Bilder zur Wersauer Zeitreise gibt es in einer eigenen Fotogalerie unter www.anzeigenblatt-gersprenztal.de zu sehen.

Auch diese letzte Festveranstaltung zur Erinnerung an die Ersterwähnung von Wersau „am Aschermittwoch im Jahre des Herrn 1314“ zeigte, dass dieses Dorf tatsächlich unvergleichlich ist. Bei etwa 1400 Einwohnern vom Säugling bis zum Greis engagierten sich mehr als 100 Bürger allein für die Wersauer Zeitreise an den beiden Dorfabenden am ersten Novemberwochenende.

Diese tollen Veranstaltungen, aber auch der Tag der Ersterwähnung mit dem Fackelzug am 20. Februar, der Festkommers am 22. Februar, der Seniorennachmittag am 23. Februar, die Einweihung der Ortstafel am 9. Mai, das Festwochenende mit den offenen Höfen am 5. und 6. Juli sowie das Spielefest der Grundschule und der Kita am 27. September haben das Zusammengehörigkeitsgefühl im Dorf enorm gestärkt und Alteingesessene und Zugereiste weiter zusammenwachsen lassen. Sie alle sind „Werscher“. Das sei insbesondere den Mitgliedern des Heimat- und Geschichtsvereins 700 Jahre Wersau aber auch vielen, vielen anderen, die sich in diesem Jahr engagiert haben, gedankt.

Text: E.Rein und E.Erstfeld Bilder: E. Erstfeld

Hinterlasse jetzt eine Antwort